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Artikel: Die Kuckucksuhr: Vom Gebrauchsgegenstand zum Schwarzwald-Symbol

Kuckucksuhr - Schwarzwald-Symbol

Die Kuckucksuhr: Vom Gebrauchsgegenstand zum Schwarzwald-Symbol

Herkunft, Herstellung und moderne Interpretationen

Ein Vogel öffnet ein kleines Türchen, ruft die Stunde aus und verschwindet wieder. Dieser kurze Auftritt reicht, und schon sind Tannenwälder, geschnitzte Holzfassaden und Schwarzwälder Handwerk im Kopf. Dabei war die Kuckucksuhr weder von Anfang an ein Souvenir, noch stammt ihr Mechanismus aus dem Schwarzwald. Zum Wahrzeichen der Region wurde sie erst, als Uhrmacherwissen, arbeitsteilige Fertigung und geschickter Handel zusammenkamen - und ein Gehäuse hinzukam, das den Geschmack seiner Zeit traf.

Der Kuckuck kam später in den Schwarzwald

Die oft erzählte Geschichte, ein Schwarzwälder Uhrmacher habe um 1730 die Kuckucksuhr erfunden, lässt sich historisch nicht belegen. Nachrichten über Uhren und Automaten mit Kuckucksruf reichen weiter zurück. Bereits 1629 beschrieb der Augsburger Kaufmann Philipp Hainhofer in der Dresdner Kunstkammer eine Uhr mit beweglichem Vogel und Kuckucksruf. 1650 erläuterte der Universalgelehrte Athanasius Kircher den Mechanismus eines künstlichen Kuckucks; 1669 schlug der italienische Geistliche Domenico Martinelli vor, den Ruf mit dem Stundenschlag eines Uhrwerks zu verbinden.

Als der Kuckuck im 18. Jahrhundert in die Schwarzwälder Uhrmacherei einzog, war die technische Idee also längst bekannt. Wer dort zuerst eine solche Uhr baute, bleibt offen. Weder die Erzählung vom Schönwälder Uhrmacher Franz Ketterer noch die Geschichte zweier Uhrenträger, die 1742 böhmische Kuckucksuhren als Vorbilder mitgebracht haben sollen, ist durch zeitgenössische Belege gesichert.

Gesichert ist dagegen, dass Werkstätten zwischen Neustadt und St. Georgen spätestens um die Mitte des 18. Jahrhunderts Kuckucksuhren aus Holz herstellten. Der Vogelruf war zunächst eine kostspielige Zusatzfunktion. Nur ein kleiner Teil der Schwarzwalduhren besaß einen Kuckucksmechanismus; die meisten waren schlichte, preisgünstige Wanduhren für den Alltag.

Aus kleinen Werkstätten in die Welt

Die Schwarzwälder Uhrmacherei war für eine ländliche Region ungewöhnlich leistungsfähig. Holz stand als Werkstoff bereit, und die Herstellung verteilte sich auf zahlreiche Spezialisten. Schreiner fertigten Kästen, andere Handwerker bauten Werke, schnitzten Figuren, bemalten Schilder oder stellten Pfeifen her. Händlergesellschaften sammelten die fertigen Uhren ein und brachten sie über eingespielte Routen auf ausländische Märkte.

Diese Arbeitsteilung senkte die Kosten und ermöglichte hohe Stückzahlen. Um 1840 gab es im Gebiet zwischen St. Georgen und Lenzkirch rund 1.000 Uhrmacherwerkstätten mit etwa 5.000 Beschäftigten. Sie produzierten jährlich ungefähr 600.000 Holzuhren - und damit längst nicht nur Kuckucksuhren. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts soll zeitweise jede dritte weltweit verkaufte Uhr aus dem Schwarzwald gekommen sein.

Die Uhr war damals vor allem ein Gebrauchsgegenstand. Sie zeigte verlässlich die Zeit an und blieb durch ihre Holzkonstruktion für viele Käufer erschwinglich. Der Kuckucksruf machte sie unterhaltsamer und einprägsamer, aber auch teurer, und blieb zunächst eine Sonderform. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rückte gerade diese Variante in den Mittelpunkt.

Wie der charakteristische Ruf entsteht

Bei einer traditionellen mechanischen Kuckucksuhr liefern herabsinkende Gewichte die Energie. Ein Pendel gibt den Takt vor, während Zahnräder die Zeiger bewegen und das Schlagwerk steuern. Zur vollen Stunde öffnet sich das Türchen. Der Vogel tritt hervor, und zwei kleine Blasebälge drücken nacheinander Luft durch unterschiedlich gestimmte Pfeifen. So entstehen die beiden Töne des bekannten Rufes, den das Schlagwerk entsprechend der Stunde wiederholt.

Bis heute lässt sich die regionale Herkunft von der bloßen Form unterscheiden. Das Zertifikat des Vereins „Die Schwarzwalduhr“ erhalten nur mechanische Uhren, die im Schwarzwald gefertigt wurden und dessen Kriterien für die Herkunft wesentlicher Bestandteile erfüllen. Quarz- und Solaruhren sind davon ausgeschlossen.

Das Bahnhäusle prägt ein weltbekanntes Bild

Frühe Schwarzwälder Kuckucksuhren sahen keineswegs so aus, wie man es heute erwartet. Der Rufmechanismus steckte in bemalten Schild-, Kasten- oder Rahmenuhren. Ein eigenes Gehäuse, das sofort mit dem Kuckuck verbunden wurde, entstand erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Den entscheidenden Anstoß gab die 1850 gegründete Uhrmacherschule in Furtwangen. Ihr Direktor Robert Gerwig rief Künstler und Architekten dazu auf, zeitgemäße Gehäuse für die Schwarzwälder Uhrenproduktion zu entwerfen. Der Architekt Friedrich Eisenlohr orientierte sich an den Bahnwärterhäusern, die er für die Badische Staatseisenbahn gestaltet hatte. Seine „Wanduhr mit in Epheu-Laubwerk verziertem Schild“ wurde zum Vorbild der sogenannten Bahnhäusleuhr.

Kurios ist, dass die einzige bekannte Uhr nach Eisenlohrs ursprünglichem Entwurf keinen Kuckuck besitzt. Erst Hersteller der folgenden Jahre verbanden die neue Gehäuseform mit dem Vogelruf. Seit Mitte der 1850er-Jahre verbreitete sich diese Kombination rasch. Um 1860 kamen plastische Schnitzereien hinzu: Reb- und Eichenlaub, Waldtiere, Geweihe sowie Gewichte in Tannenzapfenform. So bildete sich das Erscheinungsbild heraus, das heute als klassische Schwarzwälder Kuckucksuhr gilt.

Vom Exportartikel zum Zeichen für Heimat

Auf der Wiener Weltausstellung von 1873 gehörte die Kuckucksuhr bereits zu den gefragten Schwarzwälder Erzeugnissen. Händler verkauften sie in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Aufwendig geschnitzte Modelle fanden Käufer auch in frühen Reisezentren wie der Schweiz, noch bevor der Schwarzwald selbst zu einem großen touristischen Ziel wurde.

Mit der weltweiten Verbreitung veränderte sich die Wahrnehmung. Die Uhr stand nicht mehr allein für eine bestimmte Technik. Häuschen, Waldmotive und Vogelruf standen bald für die ganze Region. So wurde sie zum Souvenir - und zum Bild für Heimat, Handwerk und ländliches Leben.

Moderne Entwürfe behalten den Ruf und verändern die Form

Die klassische Schnitzuhr wird weiterhin gefertigt, doch sie ist längst nicht mehr die einzige gestalterische Antwort auf den Kuckuck. Zeitgenössische Entwürfe reduzieren das Häuschen auf klare Konturen, setzen auf kräftige Farben oder lösen Zifferblatt und Vogel aus dem traditionellen Gehäuse. Künstler wie Stefan Strumbel arbeiten bewusst mit Heimatklischees; Manufakturen und Designer übertragen den vertrauten Mechanismus in schlichte Holzkörper, verspiegelte Flächen oder popkulturell geprägte Objekte.

In diese Linie gehört auch die Design-Kuckucksuhr Cuculo. Solche Entwürfe verleugnen die Herkunft nicht, sondern fragen, welche Teile es überhaupt braucht, damit eine Kuckucksuhr noch als Kuckucksuhr durchgeht. Oft bleiben nur drei: eine Uhr, ein Vogel und der Ruf zur vollen Stunde. Schnitzwerk, Tannenzapfengewichte und Schwarzwaldhaus fallen weg - und die Uhr ist trotzdem sofort zuzuordnen.

Tipp: Wie gut der Schwarzwald als Krimikulisse taugt, zeigt Wem die Kuckucksuhr schlägt von Markus Fix - mit einem Berliner Kommissar, der sich erst mal an die neue Heimat gewöhnen muss.

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(Text: K. k. - Online-Redakteurin / Foto: Benhur Emmanuel von Pexels)

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